#ContainernIstKeinVerbrechen
Am 8.11. haben wir uns zusammen mit vielen weiteren Erzürnten und Enttäuschten gegen die Lebensmittelverschwendung in Deutschland gestellt! Nachdem Caro&Franzi Verfassungsbeschwerde eingeracht hatten, druften auch wir uns mit einem Redebeitrag beteiligen. Viel Spaß!
Transkript:
Liebe Erzürnte, liebe Enttäuschte,
Ich heiße Moritz, bin 20 Jahre alt und bin im Vorstand der Grünen Jugend Karlsruhe. Als Philipp vor zwei Wochen zu uns kam und fragte, ob wir zusammen eine Kundgebung organisieren wollen, waren wir zwar sofort Feuer und Flamme für das Thema, aber wollten unsere Hoffnung stets nicht zu groß werden lassen, um dann nicht niedergeschlagen und deprimiert nach der Veranstaltung nach Hause gehen zu müssen. Doch jetzt wo ich euch alle hier sehe, so viele von euch mit uns hier stehen sehe – weiß ich, dass diese Angst vollkommend unbegründet war! So viele Erzürnte über Klöckners Politik des Nichts-Tun und so viele Enttäuschte über das Urteil von Caro & Franzi.
Ich will euch eine Geschichte erzählen, weil ich denke Geschichte berühren uns, belustigen uns aber und vor allem bewegen uns.
Sie sind seit jeher Opfer politischer Objektifizierung. Ob es in der Debatte um genetisch veränderte Nahrungsmittel war, sie von EU-Kritikern als Beispiel gewählt wurden oder sie zum Sündenbock für Ehec gemacht wurden. Gurken hatten es auf der Bühne des demokratischen Diskurses nie leicht. Doch führen sie auch abseits des Rampenlichtes kein einfaches Leben. Lasst mich, um dies zu verdeutlichen die Geschichte von Gerd der Gurke erzählen. Gerd kommt nicht, wie es uns die Romantisierung des westlichen Konsums glauben machen möchte, von einem nebligen Feld im ländlichen Sachsen-Anhalt, nein, Gerd ist tatsächlich Spanier. Er wuchs, wie im feuchten Traum eines Afd Wählers, nur unter seinesgleichen auf, und das auf einer beschaulichen Plantage in Andalusien. Die einzigen nicht-Gurken, mit denen Gerd in seiner Jugend Kontakt hatte waren die Insekten, die sich ab und zu auf das Feld wagten. Doch waren diese Freundschaften meist kurzweilig, da Gerds Freunde gerade, als man sich besser kannte von einem vorbeischauenden Pestizidvehikel getötet wurden. Um Gerd wurde sich gut gekümmert. Er hatte immer genug Wasser – 350 Liter, für jeden Kilo um genau zu sein – was er immer mit seinen Freunden Georg, Gregor und Günther teilte. Die Vier waren seit jeher unzertrennlich. Sie lagen zusammen in der Sonne, wurden groß und stark außer Georg. Georg war etwas kleiner als seine Freunde, was sie nie gestört hatte, aber als die Zeit zum Aufbruch gekommen war und sie geerntet wurden, wurde er weggeworfen, da seine weitere Existenz, nicht als effizient beurteilt wurde und er war so der erste von Ihnen, der ging. Wie schon Millionen Gurken vor ihnen wurden sie gewaschen, inspiziert und in eine Form gebracht, die dem Konsumenten gefällig war. Gregor war der größte von ihnen und hatte daher wenig Angst vor dem Prozess, denn gerade, dass, hatte ihn von Georg und so vielen anderen doch so abgesetzt. Doch wie es auch bei großen Menschen oft der Fall ist, litt seine Haltung unter seiner Größe. Diese Andersartigkeit disqualifizierte ihn in den Augen der Lebensmittelindustrie für eine sinnvolle Nutzung und auch er wurde aussortiert. Und so war er der Zweite von ihnen, der ging. Nun standen Günther und Gerd als einzige eine lange Reise bevor. Sie wurden in Plastik eingepackt und in große Container verladen, zusammen mit abertausender ihrer Artgenossen. Sie hatten Hoffnung. Sie schafften es einmal quer durch Europa, um am Ende in einer Deutschen Großstadt zum Eigentum eines milliardenschweren Konzerns zu werden, der es sich zur Aufgabe gemacht hatte sie und ihresgleichen zu möglichst niedrigen Preisen zu verkaufen. Eine sinnvolle Existenz für Gurken, fanden unsere Helden. Doch sie ahnten nicht, welche Gefahren noch auf sie lauern würden. Als der Große Tag gekommen war, an dem sie endlich in die Auslage gelegt werden sollten, wurden sie getrennt. Während Gerd am Boden des Korbes lag, hatte es Günther bis ganz nach oben geschafft. So schön dieser Platz auch war, barg er auch gefahren. Und so kam es: Ein unachtsamer Kunde stieß gegen ihn – doch seien Sie unbesorgt. Es ging ihm noch gut. Er trug lediglich einen kleinen Riss in der Folie davon. Dies gepaart mit seinem neuen Platz auf dem Supermarktboden, war für einen Angestellten Grund genug ihn wegzuwerfen. Nicht aus eigener Entscheidung. So war es einfach die Anweisung. Gerd bekam davon wenig mit. Er fristete den Rest des Tages und des Nächsten am Boden des Korbes unter anderen Gurken begraben. Das nächste Mal als er Licht sah war dies auch nur von kurzer Dauer. Er wurde mit den anderen unverkauften Gurken in einen Container hinter dem Supermarkt gekippt. Dort sollte er verenden, doch nicht durch einen Unfall, denn so hatte es die Gesellschaft für ihn vorgesehen.
Doch was sollte uns an dieser Geschichte wirklich aufregen, frag ihr euch nun sicher. Es geht nicht um Eine Gurke, die nun nicht den Weg zur Tafel oder zu foodsharing gefunden hat. Es geht um tausende, ach was um Millionen an Gurken, Tomaten und Paprikas. Jede Sekunde wird allein in Deutschland 313 kg Essen in den Müll geworfen. 313 kg, die Menschen anderswo gut gebrauchen könnten. 313kg, die faktisch umsonst hergestellt werden mussten. Das sind fast 19 Tonnen jede Minute, fast 10 Millionen Tonnen jedes Jahr. Und es wird nicht weniger, nicht bei solch einer Politik der Ankündigungen und Unverbindlichkeiten, welche die Bundesregierung betreibt. Das Ziel unserer Regierung unsere Wegwerfkultur im Jahre 2030 zu halbieren ist SO definitiv nicht zu schaffen.
Doch wäre dies extrem erstrebenswert, um Paris vielleicht doch noch einzuhalten. Internationale wie nationale Gutachten nennen die Reduktion von Lebensmittelverlusten als eine Der zentralen Klimaschutzmaßnahmen für den Sektor Landwirtschaft und Ernährung. Und das lässt sich leicht mit Zahlen belegen. Bei einer Reduktion der Verluste um nur 50%, ließen sich allein in Deutschland 11 Millionen Tonnen Treibhausgase auf einen Schlag einsparen. Somit könnte jeder 3. in Deutschland, ganz nach der Vorstellung der Jungen Union, eine Flugreise von Düsseldorf nach Mallorca buchen und es würde sich an der Bilanz rein gar nichts ändern. Doch wo bei der Jungen Union einmal im Jahr Malle ist, ist bei uns zwei Mal im Jahr EndeGelände!! Denn wir müssen was ändern, wenn wir den Temperaturanstieg um zwei Grad in diesem Jahrhundert noch verhindern wollen, – wenn wir nicht wollen das Permafrost-Böden in Sibirien auftauen und unsere Welt, unsere ganze Lebensgrundlage in eine ungewisse und irreversible Zukunft führen. Dazu müssen wir unseren jährlichen Co2-Ausstoß, der in Deutschland zurzeit bei 9,6 Tonnen pro Kopf liegt, bis 2050 auf lediglich 1 Tonne Treibhausgase reduzieren.
Nun wie schaffen wir das?
Bereits im Jahr 2012 hatte der Deutsche Bundestag mit seinem interfraktionellen Antrag „Lebensmittelverluste reduzieren“ konkrete Maßnahmen zur Reduzierung der Lebensmittelverschwendung aufgezeigt. Es wurde deutlich gemacht, dass es konkrete Zielvorgaben gegen Lebensmittelverschwendung für die einzelnen Akteure in der Lebensmittelkette geben muss. Eine wirksame übergreifende Vermeidungsstrategie benötigt unterschiedliche Maßnahmen, die alle Beteiligten der Lebensmittelkette wie Handel, Industrie, Landwirtschaft, Produktion aber auch den Verbraucher, bei welchem die Lebensmittelverschwendung als ein Fünftel eines jeden persönlichen Co2-Abbrucks zu Buche schlägt, einbezieht. Und da hilft keine neo-liberale „die Technik von morgen wird das schon richten“-Politik, a la Christian Linder. Es braucht einen regulativen Rahmen im Umwelt-, Abfall-, Lebensmittel- und Steuerrecht, um Möglichkeiten und Anreize zur Abfallvermeidung sowie zur verbesserten Abgabe an Bedürftige und Lebensmittelretter zu schaffen.
Die Bundesregierung hat jedoch bisher weder verbindliche Maßnahmen gegen die Lebensmittelverschwendung ergriffen noch die Überproduktion landwirtschaftlicher Erzeugnisse als eine ihrer Ursachen beseitigt. Dazu müssen auch der Ausstieg aus der Massenproduktion in der Landwirtschaft und eine stärkere Orientierung an Qualität vorangetrieben werden, damit gar kein so hoher Lebensmittelüberschuss anfällt.
Und hier muss ich ein wenig Werbung für uns Grüne machen. Renate Künast hat zusammen mit vielen anderen, wie zum Beispiel Sylvia Kotting-Uhl, die Bundestagsabgeordnete aus Karlsruhe, einen Antrag für ein Anti-Wegwerf-Gesetz in den Bundestag eingebracht, welchen ich auf Flugblätter, die ihr bei unserer Pinnwand findet, nochmal zusammen gefasst habe. In diesem fordern sie nicht nur eine Entkriminalisierung vom Containern, unter anderem aber auch eine Verpflichtung für Supermärkte noch genießbare Lebensmittel zu verschenken, Mindesthaltbarkeitsdaten näher an den tatsächlichen Verderb von Lebensmittel anzunähern und krummen Gurken wie Gregor endlich auch das Gefühl zu geben, dass anders sein nichts schlechtes ist.
Und das geht zuletzt auch auf Caro&Franzi zurück, die Renate im Bundestag besucht haben und ihr nochmal aufgezeigt haben wie wichtig dieses Thema für uns und das Klima ist. Und das gibt mir Hoffnung. Hoffnung, dass wir als Aktivist*innen, wirklich was bewegen können und hier nicht umsonst stehen. Wir haben begriffen, um was es hier geht. Es reicht uns nicht, dass Markus Söder jetzt plötzlich ach so der tolle Klimaschützer ist. Es muss eine Politik folgen, die das wieder spiegelt und kein weiteres unzureichendes Klimapaket. Also lasst uns gemeinsam laut sein, lasst uns unangenehm sein, lasst uns die Macht der Lobbys in jedem Teil der Wirtschaft brechen und lasst uns endlich hinter der Wissenschaft vereint stehen.
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